Der Fall Loos (1928)

Forschungsstillstand

„mit dem Abwiegeln und Kleinreden der letzten Jahrzehnte ist es vorbei, seitdem der Literaturwissenschaftler Andreas Weigel mit hartnäckigen Recherchen und diversen Publikationen darauf drang, den Pädophilieprozess nicht länger abzutun als einen nebensächlichen „Konflikt mit dem bürgerlichen Moralkodex“ (der Loos-Forscher Adolf Opel).“ (Hanno Rauterberg: „Architektur und Verbrechen“, in: Die Zeit, Nr. 31, 16. August 2015.)

Die „Freiheit!“ berichtet am 6. September 1928 über die Verhaftung von Adolf Loos und französische Reaktionen darauf.
Die „Freiheit!“ berichtet am 6. September 1928 über die Verhaftung von Adolf Loos und französische Reaktionen darauf.

Im Rahmen meiner Recherchen zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des gemeinsamen Aufrufes von James Joyce, Karl Kraus, Valéry Larbaud, Heinrich Mann und Arnold Schönberg zur Gründung einer „Adolf Loos Schule“ (1930) habe ich mir die Frage gestellt, wieso der 60. Geburtstag von Adolf Loos im Dezember 1930 nicht in Wien, sondern in Prag gefeiert wurde. Eine ausschlaggebende Ursache dafür war gewiss, dass eine öffentliche Ehrung von Adolf Loos in Wien problematisch schien, da Loos genau zwei Jahre zuvor in einem Strafverfahren zwar „von den Verbrechen der teils vollbrachten, teils versuchten Schändung freigesprochen“, aber trotz erfolgter Berücksichtigung „außerordentlichen Milderungsrechts“ „wegen Verführung zur Unzucht von ihm anvertrauten Kindern bedingt zu vier Monaten Arrest verurteilt“ worden ist. Der 60-Jährige war allein deshalb auf Bewährung frei, weil das Gericht gehofft hat, dass er „nach allem, was über ihn bekannt ist, auch eine Androhung der Strafe sicherlich schmerzhaft genug empfinden und dass es keines Vollzuges der Strafe bedürfen wird, um ihn in Hinkunft von gleichen oder ähnlichen Übergriffen abzuhalten.“

Vor diesem Hintergrund wussten Loos’ Freunde, dass Loos‘ 60. Geburtstag in Wien kaum würdig zu feiern war und da Loos gebürtiger Tscheche war, erfolgte das Geburtstagsfest eben in Prag, wo er eben die Villa Müller vollendet hatte. Seither wurde die Strafsache gegen Adolf Loos von der Loos-Forschung nicht aufgearbeitet, sondern beharrlich klein- und schöngeredet, weshalb für mich weitere Recherchen naheliegend waren.

In der Folge wurde der Forschungsstand bis zum unerwarteten Fund des vollständigen Gerichtsaktes der Strafsache gegen Adolf Loos durch meine 2008 in der Ö1-Sendung „Diagonal“ ausgestrahlte und im „Spectrum“ der Tageszeitung „Die Presse“ abgedruckte Dokumentation „Pyjama und Verbrechen“ zusammengefasst. Seit dem überraschenden Auftauchen des Original-Gerichtsaktes stellt meine 2015 im „profil“ veröffentlichte, detaillierte Analyse „Neue Details zum Pädophilieprozess um Adolf Loos“ sowie deren Seitenstück Strafsache Adolf Loos. Vertiefte Analyse des Gerichtsaktes zum „Fall Adolf Loos“ den aktuellen Forschungsstand dar.